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Presse-Information
Zum Thema Chipkarten gab es anläßlich einer Tagung des BSI die
folgende, auch vom FIFF unterstützte Presseerklärung.
Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen
Deutsche Vereinigung für Datenschutz
Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung
Institut für Informations- und Kommunikationsökologie
Computerisierung der Arztpraxen und Krankenhäuser
EDV-Sicherheitsexperten diskutierten über Computerisierung der
Arztpraxen und Krankenhäuser
PatientInnenstellen und DatenschützerInnen: Alternativen zur DIN-Medizin
und medizinischen Kontrolle des Alltags müßten viel breiter diskutiert
werden.
Vom 2. bis 3.11.94 hat das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik (BSI) in Boppard eine Tagung mit dem Thema:
"Patienten und ihre computergerechten Gesundheitsdaten" veranstaltet.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Medizindaten-Chipkarte. Während die
Krankenversichertenkarte noch in den letzten Bundesländern eingeführt
wird, diskutieren die ExpertInnen schon über den nächsten Schritt:
die Chipkarte, die den Zugriff auf die ganze Krankengeschichte des Patienten
ermöglichen soll.
Beim "interdisziplinären Diskurs" in Boppard wurde diskutiert: Ist der
Gesundheits-Chip ein Mittel zu wirksamerer Therapie und zu mehr Transparenz
im Gesundheitswesen? Oder führen Computer in der Arztpraxis und die damit
verbundenen Standard-Behandlungen und Norm-Diagnosen "den Arzt weg von
seiner Orientierung am Patienten als Mensch"? PatientInnenvertreter,
DatenschützerInnen und Ärzte kritisierten die Verdatung des
Gesundheitswesens und die Chipkarte mit medizinischen Daten: als Schritte
zu einer bürokratischen Medizin, zu Norm-Therapie und medizinischer
Verhaltenssteuerung. Die Heilkunde sei eine Erfahrungswissenschaft, die
nicht mit Hilfe von EDV-Katalogen erfaßt und überprüft werden könne.
PateintInnenstellen, kritische InformatikerInnen und DatenschützerInnen
führten Entwicklungen an, die zeigten, daß nicht das Wohl der
PatientInnen, sondern bürokratische und wirtschaftliche Interessen die
Verdatung der Gesundheit bestimmen:
- In dem ersten, im Juni 94 abgeschlossenen Diskursprojekt des BSI wurden
nicht die Probleme im Gesundheitsbereich, wie Entmündigung, Anonymität,
Korruption und wirtschaftliche Interessen diskutiert. Thema war auch nicht
die Frage, ob Technik bei der Lösung dieser Probleme helfen kann.
Vielmehr ging das BSI davon aus, daß die Krankenversichertenkarte
"anerkanntermaßen der erste Schritt (ist), Ärzte und Patienten an neue
Informationstechnologien zu gewöhnen." Es ging um das Ausloten der
Akzeptanz für den zweiten Schritt: die medizinische Chipkarte, und um die
damit entstehenden "Sicherheitsprobleme". Sowohl das BSI, als auch die vom
BSI Beauftragten - das Fraunhofer-Institut und die
Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft - verfügen über Erfahrungen vor
allem im Bereich militärischer und geheimdienstlicher Sicherheitstechnik.
Die "Verletzlichkeit der Informationsgesellschaft" wird von Institutionen
beschworen, die ihr Knowhow der Kontrolle, des Verschlüsselns und
Code-Knackens auch im Gesundheitsbereich unterbringen wollen.
- Am 2.9.94 wurde zwischen Krankenkassen und Ärzteverbänden ein
"Vertrag über den Datenaustausch auf Datenträgern" abgeschlossen. Dieser
Vertrag sieht vor, daß umfangreiche Informationen über alle ärztlichen
Behandlungen personenbezogen und computer-auswertbar an die Krankenkassen
weitergeleitet werden. Obwohl im Gesetz die Anonymisierung der medizinischen
Daten vorgesehen ist, werden in sehr vielen Fällen Behandlungen und
Krankheiten patientenbezogen an die Krankenkassen gemeldet. Die Vereinbarung
ist nach Einschätzung der PatientInnenenstellen und DatenschützerInnen
"eindeutig rechtswidrig".
- Am 15./16.9.94 fand in Bonn eine Tagung über "Vertrauenswürdige
Informationstechnik in Medizin und Gesundheitsverwaltung" statt.
Veranstaltet wurde sie von der Bundesärztekammer, von einer
Lobbyorganisation der Computerindustrie namens "Teletrust" und von der
"Gesellschaft für medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie".
Thema war der Weg "von der Versichertenkarte zur Patientenkarte".
Auf einer neuen, zukünftigen Chipkarte sollen die Versicherten ihre
Behandlungen, Krankheiten und Risikofaktoren codieren lassen. Für die
Veranstalter der Tagung war das Problem nicht die Entmündigung der
PatientInnen, die damit zu einem Informationsmuster degradiert würden.
Stattdessen wurden die Schreckgespenster von allgegenwärtigen Hackern und
"Leistungsmißbrauch" treibenden PatientInnen an die Wand gemalt. Die
Veranstalter der Tagung wollen Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker usw.
zur Benutzung eigener Chipkarten, der "Professional Cards", verpflichten.
Unter dem Vorwand des "Mißbrauchs" soll ein eigenes Sicherheitssystem
aufgebaut werden, dessen flächendeckende Einführung eine Infrastruktur
aus Bürokratie- und Überwachungssystemen nachzieht.
- In einem "Memorandum" zur medizinischen Chipkarte, unterzeichnet
von Funktionären, Industrievertretern und Wissenschaftlern, wird die Karte
als ein Mittel der "Gesundheitserziehung" und der "Erhöhung der
Selbstverantwortung der Patienten" bezeichnet. Der Bundesminister für
Gesundheit trat Anfang Juli in einem Interview mit Bild am Sonntag für
eine engere EDV-Kopplung zwischen Krankenkassen und Ärzten ein.
Gleichzeitig forderte Seehofer die amtliche Gesundheitserziehung durch die
Krankenkassen. "Wenn sich herausstellt", so Seehofer, "daß der Versicherte
durch gesunde Ernährung, notwendige Hygiene, regelmäßige Bewegung,
Verzicht auf Nikotin und weitgehenden Verzicht auf Alkohol zu seiner
eigenen Gesundheit aktiv beiträgt, soll er weniger Selbstbeteiligung
im Krankheitsfall und weniger Versicherungsbeitrag zahlen."
Diese Aussagen belegen nach Ansicht der KritikerInnen, daß die
geplante Gesundheits-Chipkarte genau zu dieser Kontrolle der Lebensweise
benutzt werden soll. Der Einfluß des Medizinapparates würde dadurch
weit in den Alltag der BürgerInnen hinein ausgedehnt. Zudem würde dadurch
das "Selbstverschuldensprinzip" gefördert, mit dem nicht nur vom
Solidarprinzip in der Krankenversicherung Abschied genommen werde, sondern
auch krankmachende Arbeits- und Umweltbedingungen ausgeblendet würden.
Nach Ansicht der PatientInnenstellen und DatenschützerInnen würden
Chipkarten und EDV-Kontrollen im Gesundheitswesen "schlicht überflüssig",
wenn man das System der ÄrztInnen-Abrechnung reformieren würde. Statt
nach Art und Anzahl der Behandlungen und Untersuchungen müßten die
ÄrztInnen nach der Arbeitszeit oder nach der Anzahl ihrer PatientInnen
entlohnt werden. Solche Vorschläge kämen schon seit Jahren
von WissenschaftlerInnen und PatientInnen-Organisationen, würden aber von
den Standesvertretungen und Krankenkassen blockiert.
Der Diskurs des BSI habe nur Feigenblatt-Charakter gehabt. Eine
Einflußnahme auf die Entscheidungen im Gesundheitswesen war nicht
vorgesehen. Trotz sozialer und ökologischer Alternativen zur medizinischen
Chipkarte und zu EDV-Kontrollen würden Ärzteverbände und Krankenkassen
den Weg zur verdateten Norm-Medizin fortsetzen.
Nachfragen bitte an das FIFF-Büro.
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